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NRZ am 13. August 2008

Das neue linke Selbstbewusstsein

Von Hause aus links: Therapeutin Jutta Junker hat die Linkshändigkeit geerbt und zum Beruf gemacht. (Fotos: Friedhelm Zingler) 

HELEN SIBUM 

MÖNCHENGLADBACH. Jutta Junker ist Links-Lobbyistin, sozusagen. „Etwas mehr Akzeptanz" für ihre Klientel, das wünscht sie sich zum heutigen Weltlinkshändertag. „Es ist ja keine Krankheit", sagt die 29-jährige Ergotherapeutin, die in ihrer Mönchengladbacher Praxis Kindern und Erwachsenen beibringt, den Tücken der Linkslastigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Die Suppenkelle mit Ausguss, das wahrscheinlich rechtskonservativste Küchenutensil der Geschichte, gehört dabei zu den kleineren Problemen. 

Über Suppenkellen und Klecker-Malheure könnte man ja noch schmunzeln. Wenn aber Menschen an allen Fronten des Lebens scheitern, weil sie genötigt werden, mit der falschen Waffe ins Feld zu ziehen, dann ist der Spaß vorbei. „Legasthenie, Koordinationsschwäche, emotionale Störungen", zählt Jutta Junker – selbst Linkshänderin – die Folgen erzwungener Rechtshändigkeit auf und berichtet von einer Patientin Anfang 30. Schon immer hatte sie dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit ihr, sie galt stets als schusselig, war schlecht im Sport. Kürzlich verstauchte sie sich die rechte Hand und benutzte die linke – eine Offenbarung. Die Frau war im Kindesalter gnadenlos auf rechts geeicht worden. 

Immer über Kreuz denken

„Zum Glück wird heute kaum noch aktiv umgeschult", sagt Junker, die zustimmt, wenn die Münchener Psychologin und Linkshänder-Cheflobbyistin Johanna Barbara Sattler die früher übliche Praxis als „massivsten unblutigen Eingriff" ins menschliche Gehirn bezeichnet. „Man muss immer über Kreuz denken", sagt Jutta Junker, die eine Zusatzausbildung als Feinmotorik-Therapeutin abgeschlossen hat und damit höchst gefragt ist. Denn noch immer kopieren Kinder die Rechtshändigkeit ihres Umfelds und leiden dann in der Schule – bisweilen so arg wie der kleine Patient, der sich in seiner Klasse ausgegrenzt fühlt, kaum Selbstbewusstsein hat. „Da entstehen wirklich soziale Probleme." 

Diese Kinder motiviert Junker mit ihrer Lieblingsformel: „Du bist mit der rechten Hand viel geschickter als ein Rechtshänder mit der linken." Rechtshänder sein ist bequem. Vielleicht stammt daher das Bild des besonders intelligenten Linkshänders. Albert Einstein, Michelangelo, Leonardo da Vinci – alles ehrbare Linkshänder (siehe Bildergalerie oben). Ob sie nun einen überdurchschnittlich hohen IQ hatten oder nicht: Sie waren gedanklich flexibel, wussten sich möglicherweise als Außenseiter zu behaupten. 

Zur Außenseiterposition rät denn auch Jutta Junker, hat sie einmal die Linkshändigkeit diagnostiziert, ihren kleinen Klienten: Such dir im Klassenzimmer einen Platz am Rand. Außerdem arbeitet sie mit den Kindern, die beim Schreiben zu üblen Verrenkungen neigen, an Haltung und Konzentration, gibt Hilfsmittel an die Hand. Das Lineal zum Beispiel, auf dem die Zahlenleiste rechts anfängt, weil Linkshänder von dort den Strich ziehen. Den Füller, der so geschliffen ist, dass man ihn übers Blatt schieben kann, wie Linkshänder es tun. Nicht alles muss auf links gemacht sein, meint Junker, Computer-Tastaturen etwa findet sie verzichtbar. Füller und Lineal aber seien Garanten dafür, dass auch Linkshänder gern zur Schule gehen. „Oft gibt es schon vorher eine Abwehr gegen das Schreiben." 

Wenn „linkisch" keine Beleidigung mehr ist

Jutta Junker hatte Glück. Ihre Eltern erkannten schnell, dass die Kinder die Linkshändigkeit der Oma geerbt hatten. Während die Ergotherapeutin den großmütterlichen Gruß quasi zum Beruf machte, muss ihre Schwester im Job Hürden nehmen. Als Zahntechnikerin schlägt sie sich oft mit ausschließlich für Rechtshänder konzipierten Apparaten herum. „Es tut sich einiges", sagt Jutta Junker, aber anders als Dosenöffner oder Kartoffelschäler sind viele spezielle Geräte weiterhin nur für Rechtshänder zu haben. Behandlungsstühle für linkshändige Zahnärzte wiederum gibt es schon. Womit klar sein dürfte, dass alle ein Interesse an der linken Mobilmachung haben – spätestens bei der Wurzelbehandlung. Gibt es eigentlich Linkshänder im Cockpit? 

Wenn nicht, dann vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht ist „linkisch" dann auch keine Beleidigung mehr und zwei linke Hände zu haben eine Empfehlung. Vielleicht gibt es dann auch schon viel mehr Linkshänder. Jutta Junker jedenfalls arbeitet fleißig weiter am Linksruck für Deutschland.

nrz-am-13-august-2008
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